Ja, a fool with a tool is still a fool.
Man kann mittlerweile schon sagen, dass sich die Grundthese des Eröffnungsbeitrags zumindest teilweise bestätigt hat. Natürlich differenzierter und deutlich nüchterner, aber wir stehen trotzdem erst am Anfang dieser Entwicklung.
Die ausführende Arbeit wird zunehmend automatisiert. Gleichzeitig werden Spezifikation, Architektur, Kontrolle, Fachverständnis und Verantwortung immer wichtiger.
Ein Punkt, der in dieser Diskussion inzwischen ziemlich deutlich geworden ist, sollte dabei nicht untergehen.
Einige Dinge, die vor wenigen Monaten noch als übertrieben, unrealistisch oder reine Werbung abgetan wurden, sind heute ganz praktisch nutzbar. Nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern jetzt. Menschen setzen Coding-Agenten produktiv ein. Sie lassen komplexe Fehler analysieren, Schnittstellen implementieren, Anwendungen erstellen und Arbeitsabläufe automatisieren, für die früher Tage, Wochen oder spezialisiertes Personal nötig waren.
Das bedeutet nicht, dass jede weitreichende Prognose automatisch richtig war. Es bedeutet aber durchaus, dass manche skeptischen Einschätzungen mit einer Selbstsicherheit vertreten wurden, die sich im Nachhinein nicht bestätigt hat.
Das eigentliche Problem war vermutlich weniger mangelnde Intelligenz oder fehlendes Fachwissen. Viel häufiger lag es an einer zu statischen Vorstellung davon, wie sich Technologie entwickelt. Viele haben die Möglichkeiten von morgen anhand der Grenzen von gestern beurteilt. Oder umgekehrt. ;-)
Gerade in der IT passiert das erstaunlich häufig. Menschen können in ihrem konkreten Umfeld hochkompetent sein und trotzdem grundlegende Veränderungen unterschätzen. Wer Netzwerke, Server, Datenbanken oder Entwicklungsprozesse hervorragend beherrscht, kann trotzdem danebenliegen, wenn es darum geht, technologische Entwicklungen vorauszudenken.
Betriebskompetenz und Weitblick sind eben zwei unterschiedliche Fähigkeiten.
Ich hatte selbst einige Diskussionen mit echten Experten im Reallife. Vor einem Jahr wurde über bestimmte Möglichkeiten noch laut gelacht. Nicht, weil diese Menschen schlechte Fachleute wären, sondern weil oft die Vorstellungskraft fehlt, wie schnell sich Rahmenbedingungen verändern können. Hinzu kommt, dass viele Menschen Veränderungen grundsätzlich eher ablehnen.
Heute sind genau diese Dinge möglich. Das wirft natürlich Fragen auf. Nicht unbedingt darüber, ob diese Menschen ihren Beruf beherrschen, sondern darüber, wie offen sie für Entwicklungen außerhalb ihres bisherigen Erfahrungshorizonts sind.
Die dabei entstehenden Ego- und Gruppendynamiken unter Mitarbeitern sind dabei etwas völlig Normales. Da kommt irgendeiner daher ohne Ausbildung und macht den Experten auf einmal was vor, mit Substanz. Und das kommt in heutigen Zeiten, dank der brutalen Wissens- und Bildungsmöglichkeiten etc. wirklich gar nicht so selten vor.
Gerade in schnelllebigen Bereichen bedeutet der Satz „Das geht nicht“ oft etwas ganz anderes. Eigentlich heißt er nur: Mit den Werkzeugen, die ich heute kenne, und unter den Bedingungen, die ich gewohnt bin, kann ich mir das im Moment nicht vorstellen.
Vision bedeutet dabei nicht, beliebige Science-Fiction-Szenarien aufzustellen und sich später nur an die richtigen Vorhersagen zu erinnern. Seriöse Vision bedeutet, Entwicklungen konsequent weiterzudenken.
Man schaut nicht nur darauf, was ein System heute kann. Man fragt sich auch, was passiert, wenn mehrere erkennbare Entwicklungen gleichzeitig weitergehen.
Was passiert, wenn Modelle doppelt so zuverlässig werden?
Was passiert, wenn sie nur noch einen Bruchteil der heutigen Kosten verursachen?
Was verändert sich, wenn sie nicht mehr nur antworten, sondern Werkzeuge bedienen?
Was passiert, wenn sie langfristigen Kontext behalten, eigenständig testen, Fehler korrigieren und mehrere Arbeitsschritte miteinander verbinden?
Welche Tätigkeiten bleiben übrig, wenn die Kosten anspruchsvoller geistiger Arbeit um den Faktor zehn oder sogar hundert sinken?
Und welche Annahmen gelten dann plötzlich nicht mehr?
Solche Mind Games sind keine Spielerei. Sie helfen dabei, sich aus der gedanklichen Gefangenschaft der Gegenwart zu lösen.
Ein einfaches Beispiel wäre:
Angenommen, die Technologie wird in den nächsten zwei Jahren nicht perfekt. Sie wird lediglich doppelt so zuverlässig, fünfmal günstiger und kann Aufgaben zehnmal länger selbstständig bearbeiten. Welche Auswirkungen hätte das?
Diese Frage ist oft viel interessanter als die Diskussion darüber, ob KI heute schon einen vollständigen Mitarbeiter ersetzen kann.
Technologische Umbrüche entstehen selten dadurch, dass von heute auf morgen alles möglich wird. Meist übernehmen neue Systeme Schritt für Schritt immer mehr Teilaufgaben. Irgendwann reicht das aus, um bestehende Abläufe wirtschaftlich und organisatorisch völlig neu zu ordnen.
Ein weiteres Gedankenspiel:
Welche meiner heutigen Überzeugungen beruhen auf echten Naturgesetzen und welche lediglich auf den technischen Grenzen von heute?
Viele Fehleinschätzungen entstehen genau dadurch, dass vorübergehende Beschränkungen wie unveränderliche Gesetze behandelt werden.
Vision bleibt wichtig. Ohne kritische Prüfung wird sie allerdings schnell zum Hype.
Deshalb braucht es beides. Die Bereitschaft, große Veränderungen ernsthaft zu durchdenken und gleichzeitig die Disziplin, eigene Annahmen immer wieder an der Realität zu überprüfen.
Eine der entscheidenden Fragen:
Wer ist bereit, sein Denkmodell an eine neue Realität anzupassen? Und wer verteidigt weiterhin eine Einschätzung, die von der Entwicklung inzwischen überholt wurde? Das lässt sich natürlich auf andere Lebensbereiche übertragen. ;-)